Alb-Bote Nummer 111Samstag/Sonntag 15./16. Mai 1982
Davon spricht man in Stühlingen noch heute:
Volksschauspiel „Stühlinger Bauernaufstand“ hatte 1925 seine Premiere
250 Rollen von Stühlinger Laienspielern besetzt – Sieben Monate lang geprobt – Originalgroße Stadttore
wurden für Spiel gebaut
(sbe). Dass Stühlingen mit seinem mittelalterlichen Stadtkern, von den Einwohnern liebevoll „Städtle“ genannt, in
heimatgeschichtlichen Abhandlungen immer wieder „der“ Ausgangspunkt des von wenig Erfolg begünstigten
Bauernkrieges gewesen sein soll, scheint eine wohl leicht übertriebene und geschichtlich nicht fundierte
Behauptung sein. Denn Aufstände der Bauern fanden in den Jahren 1524/25 über das gesamte mittel- und
süddeutsche Gebiet hinweg statt, auch im Elsaß, in Tirol, in Thüringen und in Österreich spielten sich in jenem
Zeitraum ähnlich dramatische Ereignisse ab, wie im süddeutschen Grenzgebiet, dem Hotzenwald, Klettgau und
dem Hegau.
Zwischen diesen drei genannten Gebieten befand sich zur damaligen Zeit die ausgedehnte Landgrafschaft
Stühlingen, deren Bewohner wie andernorts sehr unter den Schikanen des Adels zu leiden hatten. Die
Auswirkungen der Reformation hatten die naive Gläubigkeit des Volkes so nach und nach in ihren Grundfesten
erschüttert. Aus den Thesen Martin Luthers entwickelten sich neue Gedanken in Bezug auf das gemeinschaftliche
Zusammenleben. Unbestritten ist die Tatsache, dass am 23. Juni 1524 zum ersten Mal Bauern aus der
Landgrafschaft Stühlingen unter der Führung des „Michl Haim von Stiellingen“ zum Schloss Hohenlupfen
hinaufzogen und eine 16 Artikel umfassende Beschwerde vortrugen.
Genau hier an diesem heimatgeschichtlichen Kontrapunkt hakt der nachfolgende Bericht ein. Es war im Jahr
1924, also ziemlich genau 400 Jahre nach Ausbruch des ersten Stühlinger Bauernaufstandes, als
geschichtsbewusste Stühlinger Bürger, an Ihrer Spitze der damals amtierende Bürgermeister Johann Maier,
übrigens das erste hauptamtliche Stühlinger Stadtoberhaupt, sich zur Durchführung eines beträchtlich
risikoreichen Unternehmens entschlossen. Geplant war, jenes denkwürdige Ereignis der Bevölkerung des
Raumes Stühlingen im Rahmen eines Volksschauspiels nahe zu bringen. Wer den Anstoß zu dieser Idee hatte,
lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, Tatsache aber ist, dass Emil Müller, der in der Zeit von 1905 bis
1912 in Stühlingen als Hauptlehrer tätig war, von der Stadt Stühlingen beauftragt wurde, ein Theaterstück,
basierend auf der Thematik des „Stühlinger Bauernaufstandes“ zu schreiben. Als Schriftsteller legte Emil Müller
sich anscheinend ein Pseudonym zu. Er nannte sich laut vorhandenen Drehbüchern Hans Müller- Brandeck. Der
Name „Müller“ mag ihm wohl zu trivial erschienen sein, vielleicht wollte er aber auch nur möglichen
Verwechslungen vorbeugen.
Sei´s drum, sein Drehbuch in drei Akten wurde akzeptiert, es wurde ein Ausschuss ins Leben gerufen, denn bei
der Durchführung dieses sehr viel Arbeit und Organisation erfordernde Vorhabens wollte man „Nägel mit Köpfen“
machen. Dass dies dann auch ganz hervorragend gelang, sei hier vorweggenommen. Noch heute spricht man in
Stühlingen voller Hochachtung und Bewunderung von dieser großen Leistung, denn schließlich mussten fast alle
Bürger der Stadt dabei Hand anlegen. 250 Rollen mit zum Teil recht schwierigen Charaktertypen waren, natürlich
möglichst treffend, mit lauter Laienspielern zu besetzen. Als Regisseur wurde ein August Schmid verpflichtet, der
zur gleichen Zeit in Diessenhofen (Schweiz) bei „Wilhelm-Tell-Spielen“ Regie führte. Das schwierige Amt des
technischen Regisseurs wurde Gewerbeschullehrer Franz Hug übertragen, der heute zu Stühlingens
Ehrenbürgen zählt.
Weil die Sache auch ein großes finanzielles Risiko war, wurde kurzerhand ein Fond ins Leben gerufen, in den die
einigermaßen begüterten Stühlinger Bürger eine bestimmte Summe einzahlen konnten, mit diesen Geldern
sollten eventuell auftretende Defizite aufgefangen werden. Im Nachhinein erwies sich diese Vorsichtsmaßnahme
jedoch als überflüssig, mit der Durchführung dieses Volksschauspiels, dessen Spielzeit über den ganzen
Sommer 1925 lief, wurde sogar ein ansehnlicher Gewinn erzielt. Beweis hierfür sind Belege aus jener Zeit, die im
Stühlinger Rathausarchiv aufbewahrt werden.
Man hatte aber auch wirklich keine Kosten und insbesondere keine Mühen gescheut, die letztendlich zum Erfolg
der Stühlinger Freilichtspiele beitrugen. Großer Wert wurde auf die authentische Kostümierung und natürlich auch
auf das Szenarium gelegt, denn wie schon erwähnt – der Schauplatz des Geschehens war Stühlingen, genauer
gesagt der Marktplatz vor dem Stühlinger Rathausim Kern des mittelalterlichen „Städtchens“. Für die große Zahl
der erwarteten Zuschauer wurde, ausgehend vom Gasthaus Rebstock bis hinüber zum Amtshaus (etwa eine
Distanz von 100 Metern), eine riesige Tribüne installiert. Eine kleinere Tribüne für die „Honoratioren“ war zwischen
Rathaus und Stadtbrunnen aufgebaut, so dass die Besucher das dramatische Geschehen hautnah miterleben
konnten.
Dem Premierentag fieberte ganz Stühlingen entgegen
Der Clou aber, der wohl am meisten zur Perfektion des Bühnenbildes beitrug, war der Aufbau der zwei Stadttore,
wie sie zur Zeit der des Bauernaufstandes ja noch wirklich als „oberes“ und „unteres“ Stadttor vorhanden waren.
Dadurch ergab sich auch ein in sich geschlossenes Bühnenbild.
Nach Monate dauernden intensiven Probearbeiten war dann endlich im Juni 1925 Premiere. Diesem Tag fieberte
ganz Stühlingen entgegen. Der Dreiakter mit dem Titel „Stühlinger Bauernaufstand“ erwies sich innerhalb
kürzester Zeit, im heutigen Jargon ausgedrückt, alsbald als „Renner“. In Scharen strömten die Besucher nicht nur
aus der näheren, sondern auch der weiter entfernten Stühlinger Umgebung herbei. Insbesondere waren in jenem
Jahr die Stühlinger Volksschauspiele ein sehr beliebtes Ausflugsziel ganzer Schulklassen und Vereine. Gewiss
spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass die Radiotechnik noch in den Kinderschuhen steckte, vom Fernsehen
ganz zu schweigen, so dass allein schon von der Unterhaltungsseite her betrachtet ein sehr großer Bedarf
vorhanden war.
Rosel Fischer, heute 70 Jahre alt, damals junges Mädchen in der Rolle der „Hanne“ mitwirkte, kann heute noch
das ganze Theaterstück auswendig vortragen, jede Szene ist ihr geläufig, und wenn sie einzelne Passagen
rezitiert, dann hört man heute noch heraus, dass der Regisseur auf die Darstellung dramatischer Akzente, für
heutige Begriffe wohl etwas zu großen Wert legte.
Herausragende Rollen bei der Gestaltung waren Hans Müller von Bulgenbach (Jakob Böger), Graf Sigsmund von
Lupfen (Otto Walker), Gräfin Clementine (Maria Gysi geb. Grüninger), Graf Jörg von Lupfen (Paul Steinweg),
Michael Guot (Konrad Gräble), Sebastian Dobler (Franz Schlöderle), Stoffel Böringers (Hugo Würth), Vater Schielin
(Johann Grüninger), Heini Burger (Willi Geng), Magdalena Schielin (Erika Feederle), Gregori Meggle (Anton
Hägele), Frau Obserin (Agnes Haim), Margarete Bulgenbach (Frida Schüle geb. Zahn), Barbara (Antonia Bermann
geb. Schüle), Forstwart ( Leopold Harder) und als Bauernanführer Michel Haim (Hermann Erne).
Eine Vielzahl von Statisten stellte sich für die Rollen als Landsknecht, Zigeuner, Juden, Stadtknecht, Bauern,
Bürger und Kinder zur Verfügung. Die historischen Kostüme stammten alle aus dem Fundus des Basler
Stadttheaters, mit zum Erfolg trug mit Sicherheit auch die wirklich „echte“ Kulisse des Marktplatzes bei. Einige
Szenen erforderten murrendes, drohendes Volksgemurmel. Um dies möglichst lebensecht den Besuchern zu
Gehör zu bringen, hatten die Schauspieler und Statisten von der Regie die Anweisung bekommen, das Wort
„Rhabarbere“ vor sich hin zu flüstern. Die zum Teil recht langen Monologe der einzelnen Sprechrollen mussten
ohne Zuhilfenahme eines Mikrophons bewältigt werden.
Das alles ist nun 57 Jahre her, die meisten Mitwirkenden leben nicht mehr. Jedoch jene Angehörigen der älteren
Stühlinger Generation, die 1925 im Kindesalter als Statisten mit Begeisterung bei der Sache waren, wissen noch
vieles aus jenem denkwürdigen Jahr zu erzählen, als die Stühlinger in beispielhaftem Gemeinschaftssinn zum
Erfolg dieses Volksschauspiels mit beigetragen haben.
Edelgard Bernauer